Gastautor Dr. Leander Hirthe: Geschichtliches sowie Portrait der Pfeifenmarke Peterson.

Vorwort: Als wir den letzten, deutlich kürzeren Beitrag zu Peterson verfassten, standen wir in Kontakt mit dem wohl bedeutendsten Peterson– Sammler Deutschlands, Dr. Leander Hirthe. Und es drängte sich die Frage auf, warum wir Ihn nicht selbst einmal an dieser Stelle zu Wort kommen lassen wollen. Gesagt, getan. Unten stehend finden Sie seine Betrachtungen zu der Pfeifenmarke die er leidenschaftlich liebt. Peterson.

Beschäftigt man sich mit Pfeifen und Pfeifengeschichte, führt kein Weg an Peterson vorbei. Heute gestempelt mit „Peterson of Dublin“ (seit 2001), hat sich so viel in Dublin nicht verändert. Der Peterson Pfeifenladen ist inzwischen aber über den Fluss nach Süden in die Nassau Street gezogen. 2015 feierte das Unternehmen 150-jähriges Jubiläum und gehört damit zu den ältesten im Pfeifengeschäft. Zu diesem Anlass gab es auch ein offizielles Buch mit einer detaillierten Wiedergabe der Geschichte. Dieser Beitrag versucht sich in einer kurzen Geschichte bzw. einem Portrait über diese Ikone der Pfeifenwelt. 

Oben: Systempfeifen, Antique-Modelle, Literatur

Es begann 1865, vorerst nur mit dem Verkauf von Meerschaumpfeifen, mit den zwei aus Nürnberg stammenden Brüdern Friedrich und Heinrich Kapp. In Ruhla, unweit ihrer Heimatstadt Nürnberg, erschienen um 1767 die ersten Meerschaumpfeifen. Bis etwa 1830 wurden sie aber nur in kleinen Mengen hergestellt und verkauft. Beide Brüder starteten fernab der Heimat als Hersteller von Meerschaumpfeifen in London (Dean Street im Distrikt Soho), trennten sich bereits drei Jahre später, blieben aber bis 1874 in London. Heinrich war bis zu seinem Tod zehn Jahre später hier ansässig, während Friedrich nach Dublin zog, wo er in seinem Geschäft in der Grafton Street sowohl Meerschaum- als auch Bruyèreholzpfeifen verkaufte. Bruyère war allerdings zu dieser Zeit noch ein recht neues Material in der Pfeifenherstellung (ca. ab 1850) und Dublin ein Markt, der anders als London noch erobert werden musste.

Oben: Seltene Freehand- Modelle

Ein Charles Peterson aus der lettischen Hauptstadt Riga wanderte um 1876 nach Dublin aus und erschien im Pfeifenladen von Friedrich in der Grafton Street. Er wurde von Friedrich Kapp als Handwerker engagiert, um handgefertigte Bruyèrepfeifen herzustellen. Die Kenntnisse hatte sich der 24-Jährige bereits vorher erworben, und er erwies sich alsbald als Experte, der in nur wenigen Jahren zum Rückgrat des Geschäfts wurde. 1881 und 1882 starben Friedrich und seine Frau. Charles Peterson leitete das Geschäft („Kapp Brothers“) weiter und sorgte sich um die beiden Söhne von Friedrich, welche zu dieser Zeit zehn und zwölf Jahre alt waren. Als sie alt genug wurden, um in das Familienunternehmen einzusteigen, beschloss Christian Kapp, seinen Anteil aufzugeben, und veräußerte ihn an seinen Bruder Alfred sowie Charles Peterson. So änderte die Firma 1893 ihren Namen in „Kapp & Peterson“. Friedrich Henry Kapp, Alfreds Sohn, trat 1914 in die Firma ein, während Charles Peterson 1919 in Hamburg starb. Seit dem Tod von Friedrich Henry Kapp im Jahr 1972 hat die Firma mehrmals den Besitzer gewechselt. Einbrüche gab es zwischenzeitlich durch die Popularität von Zigaretten und das Aufkommen von Freehandpfeifen. Der Eigentümerwechsel im Jahr 1991 markierte den Beginn der Tom-Palmer-Ära. Sie führte erneut zu einer Reihe positiver Entwicklungen.

1995 kaufte Palmer auch die Anteile seines Partners auf und wurde alleiniger Eigentümer der Firma. Er machte sich sofort an die Arbeit und krempelte das Geschäft erfolgreich um. Der Name Kapp ist im Firmennamen erhalten geblieben, aber die Pfeifen sind ausschließlich als „Peterson“-Pfeifen bekannt. Neben der Fortsetzung traditioneller Linien erhielten einige altbekannte Serien ein neues Finish (z.B. Dublin Castle, Rock of Cashel oder Rosslare). Es entstanden aber auch neue Shapes, Linien und Sammlereditionen. So wurde 1997 auch eine Jahrespfeife eingeführt, und 2018 wurde das Unternehmen vom amerikanischen Firmenkonglomerat „Laudisi Enterprises“ übernommen. Laudisi betreibt unter anderem die bekannte Website smokingpipes.com. Dabei setzt Laudisi verstärkt auf klassische Akzente und mit dem neuen Betriebsleiter Giacomo Penzo, einem italienischen Pfeifenmacher, wieder betont auf Qualität und eine herausragende hauseigene Sandstrahlung. Überhaupt rührten die heute in Deutschland noch oft erwähnten Qualitätsmängel von einem Generationswechsel in der Belegschaft her. Neben einem enormen Mangel an geeigneten Handwerken wurde das Know-how offenbar nicht immer zuverlässig weitergegeben. Diese Phase kann aber als überwunden betrachtet werden. Produzierte Peterson einst, in den sechziger und siebziger Jahren, 250.000 und Ende der neunziger Jahre noch 125.000, so sind es aktuell ca. 80.000 Pfeifen pro Jahr (Stand 2007 u. 2016, aktuell werden keine Angaben mehr gemacht). Dafür Sorge tragen ca. 30 Mitarbeiter (Stand 2007). 

Oben: Aktuelle Farbbeispiele und dennoch unverkennbar Peterson

Der Anspruch und die Philosophie von Kapp & Peterson waren es, von Beginn an feine, funktionale und robuste Pfeifen zu produzieren, die sich die normale Person leisten konnte und die das Rauchen von Pfeifen besonders angenehm machen würden. Hierbei folgte ab 1891 eine Reihe von Patenten, bei denen die funktionalen Aspekte von Pfeifen im Vordergrund standen. Ziel war eine technisch perfekte Pfeife. So entstand die Peterson System Pfeife bzw. das Peterson System. Dieses basierte auf einer speziellen erweiterten Bohrung im Inneren des Holmes und des Mundstücks. Eine Aussackung/Reservoir im Holm sammelt Kondensat für einen trockenen Rauchvorgang. Erweiterung erfuhr das System durch eine besondere Form des Mundstücks. Das Lippenbiss, oder auch P-Lip Mundstück (patentiert 1898, aktuell etwa die Hälfte der Produktion), lässt über ein nach oben zeigendes Zugloch den Rauch zum Gaumen aufsteigen, so dass eventuell auftretendem Zungenbrand entgegen gewirkt wird. Das Peterson System war von Beginn an ein großer Erfolg und zeigt, dass bereits zu dieser Zeit Mittel und Wege gesucht wurden, um etwaiger Feuchtigkeit oder Bissigkeit beim Rauchgenuss entgegenzuwirken. Da nicht jeder Raucher mit diesen Problemen zu ringen hat, waren auch nicht alle Pfeifenraucher vom System begeistert. So wurde z.B. das P-Lip kritisiert, da sich nun statt der Zunge der Gaumen gereizt zeigte. Befürworter des Peterson Systems schwärmen von einem kühlen und trockenen Rauch und Zungenbrand, der der Vergangenheit angehört. In jedem Fall brachte die Patente (bis 1905) schnell internationales Ansehen und trugen zu einer Einzigartigkeit der Pfeifen bei. Denn für das System musste der Holm sehr massiv gehalten sein und Solidität vermitteln. Dieser kräftige Holm ist die Grundlage der klassischen Peterson-Formästhetik.

Oben: Peterson High Grades

Strenge und funktionale Formen mit einer interessanten Maserung, meist Crossgrain, zeichneten Peterson Pfeifen schon recht früh aus. Gleichzeitig verwendete Peterson gewisse Preisklassen, die heute noch, besonders bei den Systempfeifen, zu bemerken sind. Oberer Bereich mit zum Teil handgefertigten, kräftigen Mundstücken mit Sterlingsilber Applikationen und Metall Condenser (Stinger). Mittlerer Bereich mit Pressmundstück, ohne Condenser und Silberband. Unterer Preisbereich mit Pressmundstück und Nickelband. Unabhängig vom Preis bekam und bekommt jedoch jeder die Praktikabilität und Solidität des Peterson-Systems angeboten. So heißt es noch heute: „Der denkende Mann raucht eine Peterson Pfeife“ („The thinking man smokes a Peterson pipe“). Robuste Alltagspfeifen waren schon immer das Markenzeichen dieser Firma. Die Preispolitik hat sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Die weniger teuren Pfeifen sind immer noch nicht so teuer wie die anderer Marken. Das System wird immer noch hergestellt.

Warum eine Peterson? Es folgt ein persönlicher Blick auf Peterson. Warum ich den Pfeifen der ältesten, kontinuierlich betriebenen Pfeifenfabrik der Welt verfallen bin? Das Thema Pfeifen ist wie viele Genussthemen ein hoch emotionales. Petersons sind objektiv betrachtet im Detail vielleicht nicht die qualitativ besten Pfeifen und dennoch machen diese Perlen aus Dublin etwa 80 Prozent meiner umfangreichen Sammlung aus. Warum? Peterson haben zum einen Charme, Seele und Charakter. Zum anderen vereint kein anderer Serienpfeifenhersteller für mich so perfekt geschichtliches Erbe und Moderne wie Peterson. Während Firmen wie Vauen sehr innovativ sind oder etwa Dunhill einen Garanten der Zeitlosigkeit darstellt, geht Peterson seinen ganz eigenen Weg zwischen diesen Welten. Peterson bietet Eleganz ähnlich der englischen Klassik, aber auch stets ein gelungenes Gespür für Pepp und Zeitgeist. Dabei bleibt sich das Unternehmen immer treu. So kann man heute noch Pfeifen wie aus den Anfangsjahren kaufen (z.B. Systempfeifen), Linien die bereits in den Siebzigern existierten (z.B. Donegal Rocky) oder aber einen gewissen zeitgenössischen Pfiff (z.B. Dracula, St. Patricks Day 2021). Dass selbst bei den zeitgenössischen Modellen die Shapes weitestgehend aus dem klassischen Shapekatalog stammen und sich zudem hinsichtlich Oberflächenanmutung und Art der Applikationen (Zierringe) kaum von früheren Modellen unterscheiden, ist eine Eigenart, die nur Peterson bietet. Sich weiterentwickeln ohne zu vergessen woher man kommt, ist das Geheimnis von Peterson. Besonders aktuell ist wieder ein Rückblick auf die umfangreiche Historie spürbar. So präsentieren sich viele historische Shapes in den aktuellen Jahrespfeifen. Vieles was an Anpassung an den Zeitgeist anmutet, ist es in Wahrheit gar nicht. So fand z.B. der unterbrochene Zierring bei einigen Sherlock Holmes Baker Street Modellen (das Shape sowieso) bereits bei Petersons der zwanziger Jahre Anwendung. Auch das modern wirkende, gelbe Acrylmundstück der Rosslare Modelle findet sich als Variante aus echtem Bernstein an Pfeifen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die angesagten Devil Anse Shapes sind ebenfalls bereits in uralten Peterson-Katalogen zu finden (Jap Shapes). Peterson of Dublin ist 156 Jahre alt und noch kein bisschen müde. Die Beliebtheit dieser Pfeifen ist weltweit ungebrochen. Aus diesem Grund sind auch gut gepflegte gebrauchte Petersons sehr wertstabil. Zünden Sie sich eine Peterson an und lassen Sie sich von ihrem irischen Charme mitreißen. 

Oben: Peterson Jahrespfeifen, Favoriten des Autors

Irischer Charme? Moment mal! Made in Irland stimmt das überhaupt noch? Selbstverständlich! „Natürlich werden grob vorgearbeitete Köpfe bei allen möglichen Zulieferern hinzugekauft.“ Von ursprünglich zehn Lieferanten auf zwei: Gardesana, Italien, und Navarro, Spanien; Mundstücke: Macchi und Giudici, beide aus Italien. Das bestätigte schon der legendäre Werksmeister Tony Whelan im Pipes and Tobacco Magazine. Übrigens: Dies ist absolut geläufige Praxis bei ALLEN Serienpfeifenherstellern und wird auch schon seit über 100 Jahren genauso praktiziert. Daran ist also nichts verwerflich. Die Seele wird der Pfeife erst in Dublin eigehaucht – Bohrung, Oberflächenfinish, Beizung, Zieringe, Mundstücke etc. –, wo viele Maschinen 50 Jahre und viel älter sind. Ja, sie wird dort erst zur Pfeife. Wer sich einmal mit Serienpfeifenherstellung beschäftigt hat, ist zudem überrascht, wie viele Arbeitsschritte auch dort noch echte Handarbeit sind. Peterson ist da keine Ausnahme. 

Oben: Peterson Sherlock Holmes Modelle

Die zeitliche Datierung einer Peterson bleibt immer eine Herausforderung, ist aber durchaus möglich. Hierfür benötigt man immer jeden Aspekt der vorliegenden Pfeife und gegebenenfalls viel Hintergrundwissen. In Summe helfen Silberpunzierungen (falls vorhanden und lesbar), Holzstempel, Art des Shapes, Linie und Finish für eine Eingrenzung. Eine erste grobe Einordnung bietet die Zeitlinie anhand der Holzstempel:

1915 – 1922 Made in Ireland (Blockschrift), davor kein Landesstempel

1923 – 1937 Irish Free State

1938 – 1942/43 Made in Eire (im Kreis)

1942 – 1946 Made in Ireland (im Kreis)

1947 – 1949 Made in Ireland (Blockschrift). Beachte: Es gab Sondermodelle und Fehlstempelungen mit diesem Stempel auch nach 1970

1950 – 2001 Made in the Republic of Ireland

2001 – bis heute Peterson of Dublin

Der Autor bedankt sich besonders bei seiner Frau Theresa, die sich bezüglich seiner Pfeifenleidenschaft immer verständlich zeigt und ihn unterstützt. Außerdem bei Glen Whelan und Christian Probst.

Weiter widmet der Autor diesen Beitrag dem unvergessenen Petenut Jim Seamus „The Sandpiper“ Lilley, sowie dem einstigen IPPC (International Peterson Pipe Club) und natürlich Peterson of Dublin. 

Oben: Das Shape XL90 im Wandel der Zeit

Quellen in alphabetischer Reihenfolge:

Al Pascia https://www.alpascia.com/en/homepage

Cigarworld Pipes http://blog.cigarworld.de

Europas Pfeifenmacher, Marken und Modelle. Delius Klasing Verlag 2007

Peterson Collector Blogspot http://thepetersoncollector.blogspot.com

Peterson Pipe Book “The Peterson Pipe – The story of Kapp & Peterson” Briar Book Press 2018

Peterson of Dublin https://www.peterson.ie/

Peterson Pipe Notes https://petersonpipenotes.org/

Pfeifen – Die Pfeifenmacher der Welt, Marken und Modelle. Wilhelm Heyne Verlag 1999

Pipepedia https://pipedia.org/wiki/Main_Page

Pipephil http://www.pipephil.eu/

Pipes and Tobacco Magazine Ausgaben Winter 2013 und Summer 2016

Verfasser: Dr. Leander Hirthe aka „Captain Pete“ aka „Dr. Pete“.

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